Der Wetterhahn

von Kai Günther


Der Erwitter Heimatverein ist im Besitz eines seltenen Artefaktes, welches bereits aus dem Jahr 1823 stammt. Die Rede ist von einem alten Wetterhahn, der fast 170 Jahre im Dienst der Kirche stand. Der inzwischen über 200 Jahre alte Wetterhahn thronte ursprünglich auf einem rund 3,5 m hohen, schmiedeeisernen Kreuz an der Spitze des 78 m hohen Erwitter Kirchturms.


Über Jahrzehnte grüßte er die Menschen schon von weitem und zeigte ihnen die Windrichtung an. Der Hahn ist aus etwa 3 mm starkem Kupferblech gefertigt und besaß ursprünglich eine Vergoldung. Im Rumpf des Kupfertieres ist ein Lager montiert, sodass er sich im Wind drehen konnte: Anemoskop = Windrichtungsgeber. Der Wetterhahn hat eine Breite von 93 cm und besitzt eine Gesamthöhe von rund 72 cm.


Mehr als ein Stück Blech


Die Symbolik des Hahns kann gleich mehrere Bedeutungen haben. Er ist der Erste, der mit seinem Krähen das Ende der Nacht ankündigt. So wie Jesus Christus die Dunkelheit des Todes besiegt hat. Der Hahn weckt die Menschen aus dem Schlaf-Christus erweckt zum ewigen Leben. Die bekanntesten Verse des neuen Testaments sind sicherlich die Erzählungen über das Leiden und das Martyrium Christi. Bevor Jesus im Garten Getsemani verhaftet wurde, sagte er zu Petrus „Wahrlich, ich sage dir, heute, in dieser Nacht, ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Markus 14:30).

An diese Geschichte erinnert der Hahn auf den Kirchtürmen - man könnte ihn also als Zeichen der Wachsamkeit und Mahnmal für Aufrichtigkeit und Glaubenstreue interpretieren. Der früheste Hinweis auf einen Hahn auf einer christlichen Kirchturmspitze stammt bereits aus dem 9. Jahrhundert. Der Bischof von Brescia soll ihn 820 auf seinem Kirchturm angebracht haben.


Wie der Erwitter Wetterhahn seine eigene Geschichte erzählt


Wieso die, im Jahr 1710 im barocken Stil wie deraufgebaute, Kirchturmspitze 1823 einen (neuen) Wetterhahn erhielt, ist nicht mehr belegbar. Vielleicht wurde ein Vorgängermodell durch den Blitzschlag zerstört, der am 11. Juli 1823 in die Kirchturmspitze schlug und zu Beschädigungen an Turm und Orgel führte? Weitere Erklärungsansätze sind möglich. Die anschließenden Reparaturen am Turm ermöglichten die Anbringung eines neuen Hahns, welcher vielleicht erstmalig montiert wurde? Auch ging die Pfarrei Erwitte am 15. April 1823 vom Erzbistum Köln an die Diözese Paderborn über. Damit gingen auch einige Veränderungen einher. Wir wissen es nicht genau. Eine fünfzeilige Widmung auf dem erhaltenen Wetterhahn verrät jedoch das genaue Alter und seine Herkunft:


„DER • H • LANDRATH • VON • SCHADE H • ISKENIUS • A • PASTOR • A • E H • BECKER • A • BORGERMEISTER I • SCHMITZ • A • LIPPSTADT ANNO 1823“


Das hohe Alter kann man dem alten Wetterhahn gut ansehen. Von der einstigen Vergoldung ist schon lange nichts mehr vorhanden und das Kupferblech zeigt sich durch den jahrzehntelangen Witterungseinfluss und Korrosion in seiner charakteristischen grün-schwarzen Patina. Man erkennt ausgebesserte Stellen, neu eingearbeitete Blechteile sowie gelötete Risse. Besondere und einmalige Zeugnisse der langen Historie sind vor allem durch dutzende Inschriften und Markierungen festgehalten. Zusätzlich zu den eingeschlagenen Jahreszahlen kann man viele Namen von Erwitter Schmieden, Schlossern, Dachdeckern und Priestern entziffern, die sich auf diesem besonderen Stück Blech verewigt haben.

Daten von Instandsetzungsarbeiten stammen u.a. aus den Jahren 1883, 1907, 1932, 1942, 1962 und 1974. Häufig sind dazu die Namen der Personen eingraviert, die jeweils diese Reparaturen durchgeführt haben. Dazu zählen beispielsweise die Erwitter Schlosser und Schmiede Schäffer, Klocke und Husemann. Weiterhin tauchen auch die Namen der Erwitter Geistlichen, Bürgermeistern sowie Dachdeckern auf. Beispielhaft sind Pfarrer Christian Mittrop (in Erwitte von 1884 - 1910) und Eberhard Klausenberg (in Erwitte von 1924 - 1945), sowie die Bür germeister  Hermann Schlünder (1883), Dr. Bernhard Hechelmann (1907) oder Josef Postert (1962) zu nennen. Und wie kam der Hahn nun jedes Mal wieder in die luftige Höhe? Dies muss eine halsbrecherische Aufgabe für wagemutige Dachdecker gewesen sein, da es keine Kräne gab und die Aufstellung eines Gerüsts zu aufwendig gewesen wäre. So musste ein wagemutiger Dachdecker diese Aufgabe erledigen. Nach einem kurzen Gebet begann der beschwerliche  Aufstieg im Turm - über ausgetretene Treppen und Leitern, ehe man in ca. 70 m Höhe durch eine kleine Dachluke nach außen gelangte. Durch das steile Schieferdach wurden Steighaken in die hölzerne Unterkon struktion geschlagen, an denen der Arbeiter nun die letzten Meter nach oben überwand. Mit im Gepäck etwas Werkzeug, ein Seil, um sich an der Spitze zu fixieren, der etwa 5 kg schwere Wetterhahn sowie eine gehörige Portion Gottvertrauen.


1932: Der Kirchturmhahn wird im Schatten des Turmes, in der Schmiede Husemann, repariert. Foto: privat.

Ein Hahn trotzt Wetter und Wehrmacht


Im Jahr 1932 wurde der Turm durch den Erwitter Dachdeckermeister Karl Schulte neu gedeckt, wobei auch der alte Wetterhahn repariert und an schließend neu vergoldet wurde. Nur wenige Jahre später wurde der Wetterhahn am 21. Januar 1936 durch einen Blitz stark beschädigt. Die Tageszeitung „Der Patriot“ berichtet darüber: „Ein gewaltiger Sturm herrschte auch in unserer Gemeinde verbunden mit einem Wintergewitter. Plötzlich, mitten im Gewitter, gab es einen scharfen, hellen Blitzstrahl und mächtiges Donnergrollen, der Kirchturmhahn war getroffen und fiel in zwei Teilen auf den Kirchplatz herunter, jedoch ohne irgendwelchen Schaden anzurichten.“ 

Eine besondere Begegnung hatte der Wetterhahn im Dezember 1941, deren unglaubliche Geschichte ebenfalls im Kupferblech verewigt ist. Ein Pilot der Wehrmacht, der vermutlich vom Fliegerhorst Störmede gestartet war, blieb mit dem Fahrwerk seines Kampfflugzeuges an der obersten Kirchturmspitze hängen und riss dabei den Wetterhahn aus seiner Verankerung. „Vom Flieger herabgestürzt am 30.12.1941 um 15 Uhr. Klausenberg Pfarrer, Martin Vikar, Schütte Vikar, rep. von Heinrich Rasche.“ Die Militärmaschine konnte anschließend sicher gelandet werden. Ein Wunder, dass bei diesem Manöver keiner zu Schaden gekommen ist.


Wetterhahn entgeht nur knapp einer Brandkatastrophe


 Im Spätsommer 1971 wurde der etwa 800-jährige Kirchturm der altehrwürdigen Pfarrkirche ein gerüstet, da die barocke Turmhaube - aus dem Jahr 1710 - eine neue Eindeckung erhalten sollte. Das bereits mehrfach ausgebesserte Schieferdach wurde in den folgenden Wochen komplett durch Bleitafeln ersetzt. Bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten wurde der Wetterhahn für Ausbesserungsarbeiten abgenommen. Nach alter Tradition zogen dann die Gerüstbauer mit dem mit bunten Schleifen geschmückten Hahn durch Erwitte und verschiedene Gaststätten.

Für 10,- DM konnte man seinen Namen auf dem Wetterhahn verewigen lassen. Dieser Umstand sollte sich im Nachhinein als glückliche Fügung herausstellen, wie uns die Geschichte gelehrt hat. Am Freitag, den 22. Oktober 1972 waren die eigentlichen  Eindeckungsarbeiten  größtenteils abgeschlossen. Als man damit beschäftigt war die Blitzableiter zu verlegen wurde gegen 11 Uhr ein Feuer im Turm bemerkt, das wohl durch die Lötarbeiten  ausgebrochen war. Keine halbe Stunde später neigte sich die brennende Turmspitze in  Richtung  Osten, brach ab und stürzte krachend auf das Dach des Mittelschiffs. Die Trümmer brannten auf dem Kirchendach weiter und entzündeten selbiges, sowie den Dachreiter über dem Chor. Glücklicherweise war der alte Wetterhahn bei dieser  Brandkatastrophe nicht an seinem üblichen Platz. Das Feuer und den Absturz hätte er vermutlich nicht heile überstanden. Aufgrund der Tatsache, dass der gesamte Turm samt Dachstuhl komplett ausgebrannt war und die sechs Glocken - die Älteste von 1655 - sowie das alte Uhrwerk zerstört wurden, ist der Wetterhahn nun das älteste erhaltene Zeugnis des alten Turms.


1991: Alter und neuer Wetterhahn beim Weiheakt. Der neue Wetterhahn ist eine Stiftung des MSV Erwitte. Foto: privat.

Neuer Platz und neuer Hahn


Bis 1974 wurde der Kirchturm dann nach dem Vorbild seiner „großen Brüder“ in Soest und Paderborn aufwendig wiederhergestellt. Die Kirchturmspitze erhielt dabei eine mit Blattgold verzierte Kuppel und ein massives Kreuz, mit einer Gesamthöhe von 5,5 m. Für den alten Wetterhahn war somit kein Platz mehr an bekannter Stelle. Der ebenfalls beim Brand zerstörte Dachreiter auf dem Mittelschiff wurde nach seiner Wiederherstellung nun neue Heimat für den alten Wetterhahn. Am 29. August 1974 wurde dieser in 25 m Höhe auf seinen neuen Posten gesetzt, wo er für weitere 17 Jahre einen würdigen Platz fand. Im Jahr 1991 wurde der alte Wetterhahn schließlich gegen ein neues Exemplar ersetzt. Horst Ptasinski und Josef Husemann fertigten den vom Männer-Schützenverein Erwitte 1728 e.V. gestifteten neuen Wetterhahn an. Er besteht ebenfalls aus Kupferblech und gleicht dem historischen Original in Größe und Form. Im Rahmen einer Feierstunde wurde der neue Wetterhahn am Pfingstsamstag 1991 von Oberst Heinz Fisch an die Kirchengemeinde übergeben und durch Pfarrer Ludger Grewe gesegnet. Kurze Zeit später erhielt der gestiftete Wetterhahn seinen neuen Platz über den Dächern von Erwitte. Der alte Wetterhahn von 1823 ist im Anschluss an den Heimatverein Erwitte übergeben worden. Der Kirchenhahn kann zusammen mit anderen sakralen Zeitzeugnissen in der Ausstellung am Erwitter Heimathof bewundert werden. Die vielen Blessuren und Gravuren verleihen dem Kupferhahn einen ganz eigenen Charakter und machen ihn zu etwas Besonderem.


Dieser Text erschien auch in den Heimatblättern, Folge 6 des 106. Jahrgangs 22026 als Beilage zur Tageszeitung Der Patriot.

Quellen:

Der Wetterhahn. Foto: privat.